Armin Lück - 'Kein ganzer Kerl mehr?'
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Schwein gehabt: Armin Lück

Durch einen Artikel in Men’s Health entdeckt Armin Lück (31), dass er an Hodenkrebs leidet. Gerade noch rechtzeitig geht er zum Arzt: Eine Operation rettet ihm das Leben.

Geschäftsführer soll er werden, und das möglichst schnell. Die Eltern stecken große Erwartungen in ihren einzigen Sohn, doch dem macht der Job als Bankkaufmann keinen Spaß. Statt die Karriereleiter hochzuklettern, wird Armin Lück gemobbt, wechselt fast quartalsweise den Arbeitgeber. Und greift zur Flasche. Zwei Liter Wein und vier Dosen Bier, die übliche Dosis für einen Abend. Nach vier Jahren rafft Lück sich auf und schafft den Entzug. Doch Alkohol macht nicht nur süchtig, er ist Gift für das Körpergewebe. Die Folgen zeigen sich nicht sofort. In Lücks Körper tickt eine Zeitbombe, die er so gerade eben noch entschärfen kann …

Eine erste Ahnung
Seit einem Jahr ist Armin Lück trocken. In der U-Bahn blättert er durch die April-Ausgabe von Men’s Health und bleibt an einem Beitrag über Alkohol und Impotenz („Penis-Panne bei Promille“) hängen. Seit langer Zeit hat er das Gefühl, sein rechter Hoden sei kleiner geworden. Und da steht es Schwarz auf Weiß: „Häufiges Trinken lässt die Hoden schrumpfen.“ Im Bad tastet Lück alles ab. Anstelle der normalen Hodenform spürt er einen kirschkerngroßen, festen Bereich. So richtig einordnen kann er das nicht, und das macht ihm Angst. Noch mehr Angst hat er jedoch vor einem Arztbesuch und der möglichen Diagnose. Deshalb reagiert er nicht.

Zwei Monate später: der Entschluss
Die harte Stelle ist eher noch gewachsen, die Unsicherheit auch. Nach langem Zögern ruft Lück doch bei einem Urologen an. Dort gibt man ihm einen Termin für den nächsten Tag. „Also, ich werde dann mal mit meinem besten Stück vorbeikommen“, sagt er verlegen.

Die ersten Untersuchungen
Die Ultraschalluntersuchungen bestätigen, dass der Hoden atroph, also geschrumpft ist, eine knotige Gewebeveränderung vorliegt. Der Arzt bittet Lück in das Nebenzimmer und erklärt ihm ohne Umschweife: Es besteht der Verdacht auf Hodenkrebs. Für den 30-Jährigen bricht eine Welt zusammen.

Die Ungewissheit wächst
Frühmorgens muss er in die Klinik, um den Verdacht durch Urinprobe und Bluttest zu widerlegen. Oder zu bestätigen. Ergebnisse erfährt er nicht sofort, die Suche nach den Tumormarkern (Substanzen, die bei einer Krebserkrankung in besonders hoher Konzentration nachgewiesen werden) braucht seine Zeit. Noch eine Woche Ungewissheit.

Der Verdacht bestätigt sich
Lück geht in die Klinik, um das Test-Ergebnis zu erfahren. Eine Schwester teilt es ihm direkt mit: „Sie werden morgen operiert.“ Der Blutwert des Enzyms PLAP (Plazentare alkalische Phosphatase) ist erhöht. Bei Gesunden liegt dieser Tumormarker unter 100. Lücks Wert liegt bei 520. Die Diagnose: Seminom im ersten Stadium, ein maligner (also bösartiger) Tumor. Warum ich, schießt es Lück durch den Kopf. War es der Alkohol? Oder die Zigaretten (eine Schachtel pro Tag). Viel Zeit, über die Ursachen und Folgen dieser Diagnose nachzugrübeln, bleibt Lück nicht. „Eigentlich haben Sie Glück, denn Sie haben die beste aller Krebsarten“, tröstet ihn ein Urologe. Zur Heilung eines Seminoms genüge meistens die Entfernung des befallenen Organs. Armin Lück unterschreibt, dass die Ärzte ihm am nächsten Tag einen seiner beiden Hoden entfernen dürfen. Und über Nacht muss er bereits in der Klinik bleiben.

Der Hoden wird entfernt
„Wie ein kastrierter Kater“ fühlt sich Lück nach dem Eingriff. Der Unterleib schmerzt, als hätte jemand mit einem Eisenschuh hineingetreten. Für die nächsten zehn Tage muss Lück auf Station bleiben. Viel Zeit, über sein Leben und seine Zukunft nachzudenken: Bin ich jetzt geheilt oder sind noch mehr Krebszellen im Körper? Muss ich weiter operiert werden? Und werde vielleicht trotzdem langsam dahinsiechen? Die meiste Zeit im Krankenhaus ist er allein. Er hofft, dass ihm wenigstens Luise Glück bringt. Das riesige Schwein aus Leder hat er vom Opa geerbt – und der ist 87 Jahre alt geworden.

Chemotherapie oder nicht?
Die Schluss-Untersuchungen zeigen: keine bösartigen Zellen mehr zu finden. Die Behandlung ist damit aber noch nicht zu Ende. Stattdessen steht Lück vor der nächsten schweren Entscheidung. Soll er an der vorsorglichen Chemotherapie teilnehmen? Der Arzt rechnet ihm vor: 24 Prozent Rückfallrisiko, wenn man nichts macht. Dagegen 98 Prozent Überlebenschance bei zweimaliger Chemotherapie. Er will auf Nummer sicher gehen, lässt sich die zytostatischen (das Zellwachstum hemmenden) Substanzen injizieren – trotz Angst vor Schmerzen, Erbrechen, Haarausfall. Beim ersten Mal spürt er überhaupt nichts. Bei der zweiten Chemotherapie ist ihm richtig übel. Aber die Haare bleiben.

Monate des Zweifelns
Die Schmerzen im Unterleib sind lange verflogen. Doch im Kopf kommt Lück mit dem Verlust seines Hodens nicht klar. „Man fühlt sich unvollständig, nicht mehr wie ein richtiger Kerl.“ Es gibt zwar Silikon-Implantate, mit denen er vom Aussehen und Gefühl her wieder komplett wäre. Doch die Hodenprothese kostet etwa 5000 Mark. Ob die Kasse etwas zahlt, ist ungewiss. Lück stellt keinen Antrag, er will ohne zurechtkommen. Der erste Versuch, sich wieder unter Frauen zu mischen, ist eine Enttäuschung. Er hat zwar eine Affäre, und im Bett funktioniert alles. Aber sie macht trotzdem nach drei Wochen Schluss. Er wollte sich nicht verstellen, hat ihr von seiner Operation erzählt. Doch das empfindet sie als Belastung, will sich plötzlich nicht mehr auf etwas Ernstes einlassen. Armin Lück hat Angst, nach dieser Abfuhr wieder im Alkohol Trost zu suchen. Mehrmals ist er kurz davor, sich an der Tanke eine Flasche Wodka zu kaufen, tut es zum Glück jedoch nicht. Stattdessen wendet er sich in derart kritischen Momenten an den medizinischpsychologischen Dienst. „Ich kann ja eigentlich alles, was andere Männer auch können. Ich habe lediglich einen Hoden weniger“, macht er sich nach der Beratung dort Mut.

Ein Leben lang Tumorpatient
Die zweite von insgesamt zwanzig Nachsorgeuntersuchungen. Der komplette Unterleib, insbesondere natürlich der verbliebene Hoden, wird mit Ultraschall durchgescannt und millimeterweise abgetastet. Wieder eine halbe Stunde Ungewissheit, die Lück wie eine Ewigkeit vorkommt. Am Ende stellt sich heraus, dass alles in Ordnung ist. Die spontane Freude darüber wird schnell gebremst: „Sie werden Ihr Leben lang ein Tumorpatient sein“, erklärt ihm der Arzt. Niemand kann mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen, dass nicht doch irgendwo im Körper ein paar Tumorzellen überlebt haben und sich wieder ausbreiten. Lebenslänglich – das klingt für Armin Lück fast wie Knast.

Acht Monate danach: Neuanfang
Seit einem Monat arbeitet Armin Lück in einem neuen Job. Im Krankenhaus hatte er den Entschluss gefasst, den verhassten Beruf aufzugeben und einen neuen Anfang zu wagen. Dank eines Computerkurses vom Arbeitsamt sieht er gute Chancen in der IT-Branche. Eine feste Partnerin hat er nicht, er denkt allerdings schon über die Zukunft zu zweit oder dritt nach. Und irgendwann möchte er gerne Kinder in die Welt setzen. Doch darauf muss Armin Lück noch warten. Im Jahr eins nach der Chemotherapie ist Nachwuchs zeugen tabu.

Rufus Rieder, Men's Health
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